Eine Spurensuche nach der offiziellen Gedächtniskultur der Stadt Wien.

Es waren 500.000. Mindestens. 500.000 Rom*nja und Sinti*zze, die während des Nationalsozialismus ermordet wurden. Die genaue Zahl ist unklar, die Verfolgungsgeschichte wurde nach wie vor nicht umfassend aufgearbeitet, es fehlt  entsprechende Forschung. Allein in Österreich wurden von den 11.000 vor 1938 hier lebenden Rom*nja 9.000 ermordet. Es wundert daher wenig, dass viele heute in Wien lebende Rom*nja persönliche Geschichten kennen, die von den Grausamkeiten des Nationalsozialismus erzählen. Viele kennen Opfer des Nationalsozialismus und wünschen sich eine stärkere Sichtbarkeit dieser Opfer. Durch einen Ort, an dem Blumen niedergelegt, aber auch verwelken können. Ein Ort, an dem gemeinsames Erinnern und Gedenken ermöglicht wird. Zentral gelegen in Wien, um Sichtbarkeit und so auch ein Bewusstsein für diesen Teil der Geschichte zu schaffen.

Im Herbst 2019 erhielt Wien erstmals ein zentrales Denkmal, das an die ermordeten Rom*nja im Nationalsozialismus erinnert. Zumindest temporär. Für etwa zwei Wochen gab es direkt vor dem Parlament einen Ort, an dem Blumen abgelegt, Kerzen für die Verstorbenen gezündet werden konnten. Ein Gedenk- und Erinnerungsort in der Stadtmitte, der nachhaltig mahnt: “Dikh he na bister!” – “Schau und vergiss nicht!”

„Der öffentliche Raum, Gebäude und Straßennamen erzählen viel. Sie spiegeln gleichsam die Vergangenheit einer Stadt wider.”

Zitat aus der Broschüre der Stadt Wien „Erinnern für die Zukunft. Wien und seine Gedächtniskultur“.

Offizielle Gedächtniskultur

Wirft man einen Blick in die Broschüre der Stadt Wien mit dem Titel „Erinnern für die Zukunft. Wien und seine Gedächtniskultur“ gewinnt man den Eindruck, dass Wien die Verantwortung gegenüber den vielfältigen Geschichten der Stadt ernst nimmt: „Der öffentliche Raum, Gebäude und Straßennamen erzählen viel. Sie spiegeln gleichsam die Vergangenheit einer Stadt wider. Wien legt daher auf vielfältige Art besonderen Wert auf den Umgang mit dem öffentlichen Raum: Zusatztafeln bei Straßenschildern oder an Häusern, Kunst im öffentlichen Raum, Installationen und mehrsprachige Beschriftungssysteme fördern das reflektierte Erinnern. Denn Straßennamen dienen nicht nur der Orientierung im Straßennetz. Wer sie erschließt, dem sind sie auch ein Wegweiser durch die Geschichte“, heißt es dort.

In dieser Broschüre werden verschiedene Orte des Erinnerns in der Stadt genannt. Auch die Erinnerung an Rom*nja wird dort – zwar sehr kurz, aber doch – behandelt. Straßennamen. Gedenktafeln. Parks und Plätze. Sogar ein Gemeindebau. Es gibt sie, die Orte in Wien, die Rom*nja gewidmet sind. Das zeigt die Broschüre, das zeigt aber auch die Recherche. Orte, die sich meist in den äußeren Bezirken Wiens befinden, aus historischen Kontexten ebendort lokalisiert sind. Ein Überblick über diese offizielle Gedächtniskultur zeigt Teile der Geschichte: Ein leicht zu übersehender Gedenkstein im 10. Bezirk erinnert an die Opfer des Nationalsozialismus, doch Blumen sind dort selten zu finden. Ein Park im 7. Bezirk erinnert an Ceija Stojka, die erste Romni, die öffentlich über die Verbrechen der Nazis an ihrer Community sprach. Ein weiterer Park im 3. Bezirk gedenkt Ilija Ivanović und macht so auch die ersten Schritte in Richtung Selbstverwaltung in Wien, sichtbar.

Romaplatz | Lovaraweg | Sintigweg

21. Bezirk | seit 2001 

Sowohl vor als auch nach dem zweiten Weltkrieg war Floridsdorf ein zentraler Ort für Rom*nja. Der Bezirk war und ist nicht nur Lebensmittelpunkt, sondern auch Siedlungsplatz für viele reisende Rom*nja. Aus diesem Grund brachten Bezirksrät*innen der Grünen 1996 einen Antrag ein – mit dem Ziel eine öffentliche Verkehrsfläche in Floridsdorf nach den Roma und Romnja zu benennen. Die damalige Begründung des Antrags: „Vor einem Jahr – Anfang Februar 1985 – kamen vier Angehörige der Roma-Volksgruppe in Oberwart bei einem heimtückischen Bombenattentat ums Leben. Dieses tragische Ereignis lenkte die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf das Schicksal der Roma. Auch in Floridsdorf gibt es seit vielen Generationen – unterbrochen durch die Nazi-Diktatur – eine Gruppe der Roma, die Lovara.“ Fünf Jahre später wurde dies durch die Benennung des Romaplatz, des angrenzenden Sintiweg und Lovaraweg, sichtbar gemacht.

 

Barankapark-Hellerwiese

10. Bezirk | seit 2003

Der Barankapark im zehnten Bezirk war ein Rastplatz seit dem 18. Jahrhundert ein Rastplatz für Rom*nja. Es ist jedoch auch ein Ort, von dem viele Rom*nja im Nationalsozialismus deportiert wurden. 2003 erreichte der Rom und Bruder von Ceija Stojka, Hansi Mongo Stojka, gemeinsam mit dem „Kulturraum 10“, dass ein Teil der früheren Hellerwiese (heute Belgradplatz) in Barankapark umbenannt wurde. Zudem gibt es im Park einen Gedenkstein, der an die ermordeten Rom*nja und Sinti*zze erinnert sowie eine dazugehörige rote Kastanie, die von Hansi Stojka gepflanzt wurde. Seit 2014 finden sich im Barankapark auch Steine der Erinnerung, die an 19 Rom*nja erinnern, die ehemals auf der Hellerwiese lebten und von dort in die Konzentrationslager verschleppt wurden. Der Verein „Voice of Diversity“ veranstaltet an diesem Ort einmal jährlich die Barankapark-Gedenkfeier.

Ceija-Stojka-Platz

7. Bezirk | seit 2014

Ceija Stojka ist vieles: Schriftstellerin, Künstlerin, Sängerin, Aktivistin, Überlebende der Konzentrationslager Auschwitz, Ravensbrück und Bergen-Belsen und Romni. Sie zählt zu den ersten Romni in Österreich, die mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit ging. Ihre 1988 veröffentlichte Autobiografie „Wir leben im Verborgenen: Erinnerungen einer Rom-Zigeunerin“ ist das erste Schriftstück einer Romni, das die Verbrechen im Nationalsozialismus an Rom und Romnja darstellt. Im Juni 2014 wurde der Platz vor der Altlerchenfelder Kirche in Neubau nach dieser wichtigen Zeitzeugin benannt. Nach dem zweiten Weltkrieg lebte sie in Neubau, die Altlerchenfelder Kirche besuchte sie als gläubige Katholikin immer wieder. Am “Internationalen Tag des Gedenkens an den Genozid an Sinti und Roma” (2. August) wird hier jedes Jahr eine Gedenkfeier abgehalten.

 

Diana-Budisavljević-Park

9. Bezirk | seit 2014

Nur selten werden Roma und Romnja in der offiziellen Gedenkkultur explizit
als Opfer des Nationalsozialismus benannt. Eine der wenigen Ausnahmen ist die Tafel,
die an die Namensgeberin des Diana-Budisavljević-Parks erinnert. Diana Budisavljević
rettete im zweiten Weltkrieg „tausende serbische, jüdische und Roma-Kinder aus
den Konzentrationslagern des faschistischen unabhängigen Staates Kroatien“ – so
die Aufschrift der Tafel. Errichtet wurde die Tafel auf Initiative des
Serbischen Bildungs- und Kulturvereins „Prosvjeta Österreich“.

Ilija-Jovanović-Park

3. Bezirk | seit 2016

Angeregt vom Verein „Romano Centro“ wurde 2016 der Park am Wildgansplatz (der gleichzeitig auch Vereinssitz ist) nach Ilija Jovanović benannt. Jovanović war nicht nur ein bekannter Lyriker, sondern auch einer der Gründer des Romano Centro, einer der ersten Vereine für Roma und Romnja in Wien. Als langjähriger Vereinsobmann war ihm die Sichtbarkeit der Community in der Öffentlichkeit wichtig, aber auch die Lernhilfe, die das Romano Centro seit mehr als 20 Jahren durchführt, wurde von Jovanović gegründet. Entlang der Wege des Parkes ist zudem der Text des Gedichtes “Wiegenlied / Kunaći đili” (verfasst von Ilija Jovanović, vertont von Ferry Janoska) auf Romanes und Deutsch zu lesen.

Rudolf-Sarközi-Hof

19. Bezirk | seit 2017

52 Jahre lang lebte Rudolf Sarközi im Gemeindebau an der Springsiedelgasse 32. Die Wohnhausanlage wurde 2017 nach ihm benannt. Seine Geschichte ist wie jene vieler anderer Roma und Romnja mit dem Nationalsozialismus verwoben. So wurde er 1944 im Konzentrationslager Lackenbach geboren und wuchs nach dem zweiten Weltkrieg im südlichen Burgenland auf. 1964 zog er nach Wien, wo er den „Kulturverein österreichischer Roma“ gründete. Außerdem war er federführend für die Anerkennung der Rom*nja und Sinti*zze als österreichische Volksgruppe verantwortlich, von 1995 bis zu seinem Tod im Jahr 2016 war er als Vorsitzender des Volksgruppenbeirats der Roma und Romnja tätig. Zudem arbeitete er zwischen 2001 und 2010 als Bezirksrat in Döbling.

Gedenktafel Ringelseeplatz

21. Bezirk | seit 2019 

Sowie der Romaplatz erinnert auch die Gedenktafel Ringelseeplatz an die Rom*nja, Sinti*zze und Lovara, die in Floridsdorf gelebt haben. Der Ringelseeplatz „war bis in die frühen 1960er-Jahre ein wichtiger Treffpunkt und Ort des Zusammenlebens für durch Österreich ziehende Roma, Lovara, Sinti und Schausteller-Familien“, heißt es auf der Gedenktafel, die 2018 enthüllt wurde und in der Franklinstraße 24 zu sehen ist. Die Forderung einer solchen Gedenktafel ging von der „Überparteilichen Gedenkplattform Transdanubien“ aus.

 

Forderung nach einem zentralen Ort

So wichtig diese Orte sind und ihr Entstehungskontext sowohl auf aktivistische Kämpfe hinweist als auch vielfach historisch bedingt ist, ist und bleibt eine langjährige Forderung vieler Aktivisten und Aktivistinnen die Sichtbarmachung von Rom*nja –und zwar im Zentrum Wiens. Roma und Romnja als ein Teil des kollektiven Gedächtnisses einer Stadt sichtbar zu machen, indem Orte von und für Romnja im Stadtzentrum positioniert werden.

„Es gibt ja schon ein Mahnmal in Lackenbach.“ Das ist eines der Argumente, das Mirjam Karoly immer wieder vonseiten des Bundes hört, wenn es um eben diese Forderung geht. Denn zuständig für die Gedenkkultur in Österreich ist in erster Linie der Bund, erklärt sie. Die Politologin Mirjam Karoly leitete bis August 2017 die OSZE-Kontaktstelle für Roma und Sinti Fragen beim Büro für Menschenrechte und Demokratisierung in Warschau. Sie ist stellvertretende Vorsitzende des Volksbeirates der Roma in Österreich sowie Vorstandsmitglied des Vereins Romano Centro und des European Roma Rights Center. Und: Sie kennt die Geschichte des Konzentrationslagers Lackenbach. Und zwar aus persönlichen Erzählungen. Ihr Vater wurde dort geboren. An diesem Ort im Burgenland, an dem ab 1940 Rom*nja zur Zwangsarbeit verpflichtet und viele von ihnen in andere Vernichtungs- und Konzentrationslager deportiert wurden.

 

Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft entsprechend gestalten”

Zitat aus dem Regierungsprogramm 2020 – 2024.

(Fehlende) Bemühungen der Bundesregierung

Dass ein Mahnmal in Lackenbach an die Verbrechen des Nationalsozialismus erinnert, findet Karoly daher auch notwendig: „Das ist natürlich eine sehr wichtige Gedenkstätte, aber einfach nicht ausreichend. Es ist nicht so zentral, nicht für jeden zugänglich.“ Und es ist laut der Politologin wohl auch nicht die einzige Erklärung, wieso der Forderung noch nicht nachgekommen wurde. So wurde der nationalsozialistische Völkermord an den Roma erst sehr spät anerkannt, erste Schritte in diese Richtung wurden Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre gemacht. Und auch eine größere Lobby fehlt den Roma und Romnja, genauso wie eine breite Debatte zur Aufarbeitung und Anerkennung.

Ob sich dies mit der neuen Bundesregierung ändern wird, bleibt unklar. Das aktuelle Regierungsprogramm lässt vermuten, dass Gedenk- und Erinnerungskultur künftig eine wichtige Rolle spielen wird. 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind für die Bundesregierung ein Anlass, um das Jahr 2020 „als Ausgangspunkt für eine neue, umfassende und auf breiter gesellschaftlicher Basis stehende Gedenkkultur sowie geschichtswissenschaftliche Arbeit in Österreich“ zu verstehen. „Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft entsprechend gestalten“, heißt es im Regierungsprogramm.

„Bereits seit dem Erinnerungs-und Gedenkjahr 2018 ist das Holocaust-Gedenken ein Schwerpunkt der Tätigkeit im Bundeskanzleramt im Bereich der Roma und Romnja“, antwortet das Büro für Volksgruppenangelegenheiten im Bundeskanzleramt auf die Nachfrage, was dies konkret für die Forderung der Roma und Romnja bedeute. Zudem erarbeite die Nationale Roma-Kontaktstelle seit 2017 einen Forderungskatalog der Rom*nja-Zivilgesellschaft, regt die Errichtung von Gedenkstätten an und fördert die Forschung zur namentlichen Erfassung der Opfer des Nationalsozialismus. Ende Februar hat sich Kanzleramtsministerin Susanne Raab außerdem mit Vertreter*innen der sechs anerkannten Volksgruppen zu einem Austausch getroffen und werde das auch weiterhin tun, um die Vernetzung verschiedener Akteure voranzutreiben. Was all dies konkret für einen zentralen Ort in Wien bedeute, bleibt auf Nachfrage unbeantwortet und damit weiterhin unklar. Damit heißt es auch weiterhin für viele Wiener Rom*nja: Warten auf einen zentralen Ort des Gedenkens.