Interview mit der Wissenschaftlerin Sabrina Steindl-Kopf.

Im partizipativen Forschungsprojekt „Partizipationsräume und Migrationsbiographien zugewanderter Roma und Romnja in Wien“ hat sich ein Team an der „Österreichischen Akademie der Wissenschaften“ ein Jahr lang mit dem Aktivismus zugewanderter Roma und Romnja in Wien auseinandergesetzt. Dafür haben die Wissenschaftler*innen 12 Interviews mit Aktivist*innen geführt, Veranstaltungen der Community besucht und gemeinsam mit den Interviewpartner*innen die Ergebnisse diskutiert. Die Wiener Zeitung im Gespräch mit Sabrina Steindl-Kopf über zentrale Forderungen der Aktivist*innen, über die Sichtbarkeit von Rom*nja in Wien und über die Schwierigkeit eine junge Generation zu mobilisieren.

Können Sie zu Beginn erklären, welche Motivation hinter dem Projekt steht?

Es ist wenig über die Migration von Roma und Romnja nach Österreich bekannt– sowohl in der Mehrheitsgesellschaft als auch in der Forschung. Wir wissen zwar einiges über Aktivismus und die Bürgerrechtsbewegung der autochthonen Roma und Romnja, aber sehr wenig über die Partizipation und das Engagement von Zugewanderten. Das heißt in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung gibt es eine Lücke, die wir füllen wollten. Ich selbst habe mich schon über Jahre hinweg mit dem Thema beschäftigt und war auch in der Vereinsszene in Wien involviert, zum Beispiel als Lernhilfe im Romano Centro oder beim Thara-Projekt der Volkshilfe Wien.

“Ein sehr großes Thema ist die Auseinandersetzung mit dem Holocaust und die Forderung, dass es im Zentrum Wiens nach wie vor kein Mahnmal oder Denkmal für ermordete Roma und Romnja im Nationalsozialismus gibt. Dieses Anliegen wird nicht nur von den autochthonen, sondern auch von zugewanderten Roma und Romnja und auch generationenübergreifend geteilt. Dabei geht es ganz stark, um die Sichtbarmachung der Community und des kollektiven Gedächtnisses in der Stadt.”

Die Rom*nja Community ist sehr heterogen, konnten Sie trotzdem Schwerpunkte und Hauptanliegen in der aktivistischen Arbeit finden?

Ein sehr großes Thema ist die Auseinandersetzung mit dem Holocaust und die Forderung, dass es im Zentrum Wiens nach wie vor kein Mahnmal oder Denkmal für ermordete Roma und Romnja im Nationalsozialismus gibt. Dieses Anliegen wird nicht nur von den autochthonen, sondern auch von zugewanderten Roma und Romnja und auch generationenübergreifend geteilt. Dabei geht es ganz stark, um die Sichtbarmachung der Community und des kollektiven Gedächtnisses in der Stadt. Ein anderes großes Thema ist Bildung. Viele Vereine und Einzelpersonen engagieren sich in diesem Bereich, um Unterstützung der Kinder zu gewährleisten. Das passiert derzeit aber nur auf Projektbasis. Die Roma-Schulmediatorinnen werden zum Beispiel nur für ein Semester finanziert. Es gibt einen Bedarf solche Projekte nachhaltig und langfristig zu sichern.

Sie haben bereits das kollektive Gedächtnis angesprochen: Inwiefern können die Migrationsbiographien von Roma und Romnja als ein Teil des kollektiven Gedächtnisses der Stadt Wien gesehen werden?

Bei der Mehrheitsgesellschaft gibt es kaum ein Bewusstsein für zugewanderte Roma und Romnja, da sie in der Regel als Migranten oder Migrantinnen wahrgenommen werden. Viele unserer Interviewpartnerinnen, die selbst migriert sind, sehen das als Befreiung. In ihren Herkunftsländern konnten sie dieser ethnischen Identifizierung oftmals nicht entkommen, in Wien wird die Anonymität positiv wahrgenommen. Nichtsdestotrotz erfahren sie als Migrantinnen Diskriminierung. Auch die Partizipation, das gesellschaftliche, politische Engagement ist nicht sichtbar. Der Diskurs dreht sich vielmehr darum, dass Roma und Romnja schlecht integriert seien. In der medialen Berichterstattung werden bettelnde Menschen oft mit Roma gleichgesetzt. Dem wollen wir entgegenwirken, indem wir zeigen, dass sich zugewanderte Roma und Romnja sehr vielfältig engagieren.

“Manche unserer Interviewpartnerinnen fühlen sich vielfältig zugehörig. Sie sind Europäerinnen, Wienerinnen, aber eben auch Romnja. Sie kritisieren oftmals auch das Engagement in Vereinen. Dass die Identität als Rom oder Romni dadurch an erster Stelle steht und so sichtbar ist, deckt sich für viele nicht mit ihrem Alltag.”

Sehen sich die Befragten selbst auch eher als Migrant*innen oder steht die Identität als Rom*nja an erster Stelle in ihrem Aktivismus?

Diese Frage nach Identität ist enorm wichtig, wenn Menschen Migrationserfahrung haben. Wie mit der Identitätsfrage umgegangen wird, ist jedoch sehr unterschiedlich. Manche unserer Interviewpartnerinnen fühlen sich vielfältig zugehörig. Sie sind Europäerinnen, Wienerinnen, aber eben auch Romnjaa. Sie kritisieren oftmals auch das Engagement in Vereinen. Dass die Identität als Rom oder Romni dadurch an erster Stelle steht und so sichtbar ist, deckt sich für viele nicht mit ihrem Alltag. Es gibt auch die Rückmeldung, dass das Engagement in einem Verein bedeutet für die Mehrheitsgesellschaft sichtbar zu werden. Dadurch steigt auch die Möglichkeit für Diskriminierung.

Diese Heterogenität innerhalb der Community benennen Sie in Ihren Forschungsergebnissen auch als eine große Herausforderung. Welche weiteren Hürden gibt es in der Arbeit der Aktivist*innen?

Es gibt diverse Herausforderungen. Von fast allen engagierten Personen wird genannt, dass es kaum Förderprogramme gibt. Mangelnde finanzielle Mittel führen dazu, dass das eigene Engagement prekär ist: Politische Arbeit wird neben Beruf und Familie in der Freizeit durchgeführt – ohne Bezahlung. Das nimmt enorme finanzielle, zeitliche und emotionale Ressourcen in Anspruch. Eine weitere Herausforderung ist die Mobilisierung junger Leute. Auch da werden die fehlenden Förderungen als ein Grund genannt, da nur Menschen motiviert werden können, die finanziell abgesichert sind. Ein junger Interviewpartner drückte es so aus: Aktivist zu sein ist ein Privileg. Aber auch die oben genannte Heterogenität, die Frage nach Identität und Sichtbarkeit, kann dazu führen, dass sich junge Menschen nicht engagieren wollen, weil sie Angst vor Diskriminierung haben.

In meiner eigenen Recherche erhielt ich jedoch den Eindruck, dass die junge Generation sehr sichtbar ist, dass es eine Art Aufbruch gibt. Ist das ein falscher Eindruck?

Es gibt diese jungen Aktivisten und Aktivistinnen, die sich aber in einer ganz anderen Situation befinden als die ältere Generation. In den 1990er Jahren haben Roma und Romnja angefangen sich zu engagieren und da war viel Aufbauarbeit notwendig. Es wurden Vereine gegründet, die Arbeit mit Behörden musste auf den Weg gebracht werden. Das war nicht einfach. Eine Interviewpartnerin erzählte, dass Roma zu dieser Zeit vonseiten der Behörden immer wieder mit Rumänen verwechselt wurden. Mittlerweile besteht eine recht gute Kommunikation mit der Verwaltung. Darauf und auf die Vereinsstruktur können die Jungen aufbauen. Daher sind auch die Interessen dieser jungen Generation teilweise anders gelagert. Es geht nicht mehr so viel, um direkte Unterstützungsarbeit für die Communities, sondern um Antidiskriminierung, Erinnerungsarbeit, Jugendarbeit. Sie beschäftigen sich auch viel offener mit Fragen der Identität und Zugehörigkeit. Gemein ist beiden Gruppen allerdings, dass sie die eigene Community sichtbar machen wollen – nicht nur, wie es den Menschen geht, sondern sichtbar machen, dass Stereotype und antiziganistische Bilder der Mehrheitsgesellschaft, nicht funktionieren.